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Tagungsbericht 2026

“Interne Organisation und Außenkommunikation jüdischer Gemeinschaften in der Frühen Neuzeit” – Bericht von Julia Mutzenbach.

Die 26. Arbeitstagung des Forums Jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit in Stuttgart-Hohenheim galt einem zentralen Thema jüdischer Reorganisation nach der Krise des 15. Jahrhunderts. Sie wurde großzügig unterstützt durch das Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte.

Konzeption und Leitung der Tagung lagen bei Lisa Astrid Bestle, Rahel Blum, Christoph Cluse, David Lüllemann, Lucia Raspe, Rotraud Ries und Johannes Kuber – in Kooperation mit der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart sowie der Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte der Juden e.V.

Im Zentrum stand die fachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der internen Organisation jüdischer Gemeinschaften sowie deren Außenkommunikation. In ihrer Einführung umriss Lisa Astrid Bestle (Mainz) die thematische Breite aktueller Forschungsansätze, die von der Familie als grundlegender Einheit jüdischen Lebens über institutionelle Strukturen bis hin zu überregionalen Zusammenschlüssen reichen. Die Atomisierung jüdischer Siedlungsräume infolge der mittelalterlichen Vertreibungen habe die Gemeinschaften vor erhebliche Herausforderungen gestellt. Dazu zählten die Aufrechterhaltung religiöser Praxis, die Organisation von Austauschbeziehungen sowie die Vermittlung eigener Interessen gegenüber der nichtjüdischen Umwelt. Mobilität, so Bestle, sei dabei eine zentrale Voraussetzung sowohl für Religionsausübung als auch für Bildung gewesen. Verstärkt werde untersucht, wie unter den Bedingungen fragmentierter Siedlungsverhältnisse übergreifende Gemeinschaftsstrukturen entstehen konnten. Neben den Landesjudenschaften als überregionalen Organisationsformen rückten zunehmend auch kleinere gemeinschaftliche Strukturen unterhalb der Gemeindeebene in den Fokus der Forschung. Das Phänomen der Shtadlanut als Form jüdischer Interessenvertretung gegenüber nichtjüdischen Autoritäten sei bislang noch nicht in seiner gesamten Vielfalt erforscht.

Im ersten Vortrag des Tagungsprogramms widmete sich Lucia Raspe (Essen) den Anfängen jüdischer Selbstorganisation in Westfalen im 16. Jahrhundert. Ausgehend vom Zerfall städtischer Gemeinden infolge der Vertreibungen des 15. Jahrhunderts zeigte sie anhand jiddischer Handbücher zur Lebensführung (Minhagim-Bücher) die schwierigen Bedingungen jüdischen Alltags ohne gemeindliche Strukturen. Häufig kam selbst ein Minjan, die Mindestzahl von zehn religionsmündigen Männern für das öffentliche Gebet, nicht zustande. Ergänzende Archivquellen verdeutlichten die Entstehung überregionaler Netzwerke zwischen den Siedlungen, die auf familiären Bindungen und gemeinsamer Organisation beruhten, etwa zur Sicherung von Aufenthaltsrechten. Raspe verdeutlichte somit, dass die überörtliche Selbstorganisation schon aus den Bedürfnissen jüdischer Gemeinschaften in den fragmentierten Siedlungsverhältnissen entstand und weniger durch Vorgaben der Obrigkeit.

Christiane E. Müller (Essen) widmete sich der klevischen Landesjudenschaft und den Machtverhältnissen zwischen zentraler Leitung und lokalen Gemeinschaften. Anhand des Protokollbuchs der Landesjudenschaft des Herzogtums Kleve zeigte sie die komplexe Selbstverwaltung der seit dem 17. Jahrhundert organisierten Landesgemeinde. Obwohl die steuerpflichtigen Mitglieder formal alle individuell dem (Landes-)Vorstand unterstanden, blieb die Ortszugehörigkeit von großer Bedeutung. Auch kleinere Ansiedlungen waren in die Leitungsstrukturen eingebunden. Da die seltenen Landtage für den Austausch nicht ausreichten, entstand eine dauerhafte Zwischenebene, die steuerliche und repräsentative Aufgaben übernahm. Während die Landesgemeinde politische und rechtliche Funktionen erfüllte, sicherten die Ortsgemeinden das religiöse und soziale Leben vor Ort.

Olga Sixtová (Prag) erweiterte die Perspektive der Tagung um den Raum Böhmen und stellte neu entdeckte hebräische und jiddische Quellen aus dem Staatsarchiv Tetschen zur Gemeinde Teplice in den 1640er und 1650er Jahren vor. Die Dokumente behandeln lokale Vorgänge wie Hausverkäufe, Schulden und Steuerfragen, zeigen jedoch zugleich enge Verbindungen zu Prag und anderen Gemeinden. Nach der Vertreibung aus den königlichen Städten entwickelte sich eine überörtliche Organisation außerhalb Prags. Obwohl Prag nicht Teil einer Landesjudenschaft war, behielt es zunächst eine zentrale Rolle in rabbinischen und fiskalischen Angelegenheiten. Doch Quellen belegen, dass sich früh auch regionale Führungsstrukturen herausbildeten, die aus der wachsenden Überlastung der Prager Gemeinde entstanden, die externe lokale Konflikte und Verwaltungsaufgaben zunehmend nicht mehr bewältigen konnte.

Anschließend wechselte David Lüllemann (Heidelberg) den geografischen Fokus nach Mähren und stellte, aufbauend auf seiner Masterarbeit, Takkanot als Quellen für die jüdische Selbstverwaltung am Beispiel des Bildungswesens vor. Er argumentierte, dass deren Regelungen trotz ihres normativen Charakters auf konkrete Probleme reagierten, insbesondere im Bildungsbereich. Anhand mährischer Takkanot zeigte er, dass religiöse Bildung ein zentrales Feld innerjüdischer Autonomie war, zugleich jedoch stark durch soziale Kontrolle und wirtschaftliche Rahmenbedingungen geprägt wurde. Vor allem materielle Lebensumstände begrenzten den Zugang zu Bildung stärker als äußere Eingriffe. Wiederholt betonen die Takkanot die Bedeutung von Tora- und Talmudstudium als Grundlage jüdischer Kontinuität. Damit erscheint Bildung als zentrales, aber sozioökonomisch abhängiges Anliegen der jüdischen Gemeinden – das in der Forschung jedoch unterrepräsentiert ist.

Die Nachmittagssitzung eröffnete Zvi Kunshtat (Frankfurt a.M.) mit einem Vortrag über transregionale Verbindungen frühneuzeitlicher aschkenasischer Gemeinden anhand rabbinischer Amtswechsel. Am Beispiel von Frankfurt a.M., Prag, Wien und Posen zeigte er, wie die Abfolge von Rabbinatsbesetzungen Rückschlüsse auf die Vernetzung der Gemeinden zulässt. Ein Schriftwechsel des Prager Rabbiners Hayyim Katz mit der Frankfurter Gemeinde im 17. Jahrhundert verdeutlicht, dass Fragen zu Gehalt, Befugnissen und Privilegien gemeindeübergreifend verhandelt und verglichen wurden. Kunshtat betonte, dass solche Besetzungen weniger individuellen Entscheidungen folgten, sondern Ergebnis interkommunaler Interaktion waren. Gemeinden standen dabei in Konkurrenz um Prestige und Autorität, wobei regionale Unterschiede durch kontinuierlichen Austausch geprägt wurden. In der Diskussion wurde zudem die Frage behandelt, ob Rabbiner eher als Gelehrte oder als politische Akteure auftraten – was sich nicht eindeutig beantworten ließ.

Cornelia Aust (Düsseldorf) stellte ein geplantes Forschungsprojekt zu Beerdigungsbruderschaften (Chevra Kadischa) als Beispiel für neue Gemeinschaften in der Frühen Neuzeit vor, das deren Entwicklung im Kontext jüdischer Gemeindestrukturen in Mittel- und Ostmitteleuropa vom 17. bis zum 19. Jahrhundert untersucht. Obwohl solche Bruderschaften seit dem Mittelalter auf der Iberischen Halbinsel entstanden und sich im 16. Jahrhundert in Italien sowie im östlichen Europa verbreiteten, sind ihre Entstehung und Strukturen bislang nur punktuell erforscht. Das Projekt fokussiert drei Bereiche: die institutionelle Entwicklung der Bruderschaften, ihre Praktiken im Umgang mit Sterben, Tod und Trauer sowie die dabei verwendeten materiellen Objekte. Ziel ist es zu zeigen, wie religiöse Normen und Formen sozialer Zugehörigkeit innerhalb der jüdischen Gemeinden ausgehandelt wurden. Die Chevrot dienen dabei als Prisma für Veränderungen in den Gemeinden.

Im letzten Panel des Tages wurden drei Verbundprojekte vorgestellt. Den Auftakt bildete die DFG-Forschungsgruppe „Aschkenas in neuen Lebenswelten: Akteure, Praktiken und Räume in der jüdischen Geschichte Mitteleuropas während des 15. und 16. Jahrhunderts“. Das übergeordnete Forschungsziel wurde von Stephan Laux (Trier) erläutert. Im Zentrum steht die Untersuchung der Dislokation aschkenasischer Jüdinnen und Juden zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit, wobei insbesondere Akteure, Mobilität, räumliche Bewegungen sowie Formen sozialer Organisation und Vernetzung in den Blick genommen werden. Anschließend stellten Mitarbeitende die sechs Teilprojekte sowie das Koordinationsprojekt der Forschungsgruppe vor. Weitere Erläuterungen zu den Teilprojekten und den daran beteiligten Personen sind auf der Website des Projekts[1] zu finden.

Verena Kasper-Marienberg und Mirjam Thulin (Raleigh, N.C./New York) stellten eine weitere Arbeitsgruppe vor, die sich mit dem Verhältnis zwischen Juden und Autoritäten im frühneuzeitlichen Europa befasst. Die „Scholars Working Group ‚Jews and Authorities in Early Modern Europe‘“ (2025–2027) am Center for Jewish History in New York bringt einen festen Kreis internationaler Forschenden zusammen. Ziel ist die Untersuchung jüdischer Beziehungen zu politischen und rechtlichen Autoritäten in der Frühen Neuzeit. Die Gruppe organisiert hierfür einen regelmäßigen, nicht öffentlichen virtuellen Austausch. Als Abschluss des Projekts ist eine Konferenz vorgesehen, auf der die Ergebnisse gebündelt präsentiert werden sollen.

Das Projekt Austria Judaica, eine Quellen- und Personendatenbank zur jüdischen Geschichte Niederösterreichs und Wiens (1520–1671), wurde von Max Dietrich (Wien) vorgestellt. Die Datenbank wurde ursprünglich zwischen 1998 und 2004 erstellt und wird seit 2025 inhaltlich, formal und technisch überarbeitet. Eine teilweise öffentliche Freischaltung ist ab Herbst 2026 vorgesehen.[2] Anhand des Fallbeispiels von Hirschl Mayr, des Steuerpächters der niederösterreichischen Juden in den 1650er Jahren, zeigte Dietrich, wie die in der Datenbank erschlossenen Quellen eine differenziertere Bewertung historischer Akteure ermöglichen. So kann Hirschl Mayrs Position zwischen jüdischer Gemeinde und landesherrlicher Obrigkeit neu konturiert werden und weiterführende Forschungsperspektiven eröffnen.

Am zweiten Tag standen Vorträge zur jüdischen Interessensvertretung auf dem Programm. Mirjam Thulin (New York) untersuchte die Geschichte Samson Wertheimers (1658–1724) und seine Funktionen in den Gemeinden Eisenstadt und Worms. Seit den 1680er Jahren in Wien tätig und nach dem Tod Samuel Oppenheimers zum Oberhoffaktor der Habsburger aufgestiegen, finanzierte Wertheimer militärische Unternehmungen und unterhielt weitreichende Handelsbeziehungen. Zugleich agierte er als Vermittler oder Shtadlan für die Belange jüdischer Gemeinden. Immobilienbesitz, so die These von Thulin, diente ihm als Instrument seines Einflusses. In Eisenstadt wirkte er 1690 an einem Schutzvertrag mit dem Haus Esterházy mit und ließ ein Haus mit Synagoge und Klaus errichten. Er fungierte als Rabbiner, das rabbinische Gericht tagte allerdings in Wien. In Worms, wo sich seine Familie in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts angesiedelt hatte, unterstützte er nach der Zerstörung von 1689 den Wiederaufbau und wurde zum (Ehren-)Rabbiner ernannt. Seine Tätigkeiten verbanden Hof, Herrschaft und Gemeinden zu einer überregionalen “Geographie der Macht“. In der Diskussion wurde die begriffliche Unschärfe des Begriffs „Shtadlan“ hervorgehoben.

Im letzten Vortrag der Tagung stellte Verena Kasper-Marienberg (Raleigh, N.C.) ein Forschungsprojekt zur jüdischen Gerichtsnutzung am Wiener Reichshofrat vor – am Beispiel der Frankfurter Gemeinde, die im 18. Jahrhundert rund 70 Klagen gegen den städtischen Magistrat einreichte. Die Klagen erscheinen dabei nicht nur als juristische Praxis, sondern auch als Form politischer Teilhabe und kollektiver Interessenvertretung. Jüdische Akteure nutzten den Reichshofrat sowie das Reichskammergericht überdurchschnittlich häufig, wobei selbst erfolglose Verfahren die Kommunikations- und Handlungsspielräume beeinflussten. Zugleich konnte der Reichshofrat durch diese Verfahren seine Autorität stärken. In der anschließenden Diskussion standen anwaltliche Vertretungsformen, juristische Strategien, erworbene Rechtskenntnisse sowie die begriffliche Bestimmung von „Shtadlanut“ im Mittelpunkt.

Als Fazit der Tagung ließ sich eine deutliche Dekonstruktion des gängigen Konzepts von Landjudenschaft feststellen sowie die Notwendigkeit, die regionalen Organisationen der Judenschaften ebenso zu differenzieren wie die Gemeinden/Gemeinschaften und den Begriff der Shtadlanut. Die Beiträge der Tagung lieferten hierfür wichtige Beispiele etwa mit der Feststellung, dass jüdisches Leben (notfalls) auch ohne einen lokalen Minjan und ohne Gemeinde möglich war und dass es dafür Minhagim gab. Eine zerstreute Siedlungsform war nicht gleichzusetzen mit Vereinzelung, sondern wurde mit ihren sozialen und religiösen Beziehungen pragmatisch überlokal organisiert. Der Krise begegneten die Menschen mit Resilienz und Empowerment und fanden jeweils an die Rahmenbedingungen angepasste Lösungen für ihre sozialen und religiösen Bedürfnisse. Jüdische Lebensrealitäten zeigten sich damit in alten und neuen Formaten in einer erstaunlichen Vielfalt.

In der abschließenden Diskussion plädierten die Teilnehmenden für mehr vergleichende Studien, die über Mitteleuropa hinaus auch osteuropäische und sefardische Kontexte einbeziehen sollten. Kritisch diskutiert wurde zudem die Dominanz von Quellen zu Krisen und Konflikten, während alltagsbezogene Überlieferungen bislang zu wenig berücksichtigt werden. Wünschenswert wäre die Untersuchung von Entscheidungsräumen, religiöser Praxis im häuslichen Umfeld sowie weniger institutionalisierter Gemeinden. Zudem wurde auf Forschungslücken hinsichtlich sozialer Hierarchien und der Rolle von Frauen hingewiesen.

Die nächste Tagung findet vom 12. bis 14. Februar 2027 erneut in der Akademie in Stuttgart-Hohenheim statt. In Kooperation mit der DFG-Forschungsgruppe „Aschkenas in neuen Lebenswelten“ wird sich das Forum dem Thema „Verlust – Bewältigung – Neuanfang in der jüdischen Geschichte des 15. bis 17. Jahrhunderts“ widmen.

Programm

Dank gilt allen Vortragenden, auf deren Zusammenfassungen dieser Bericht basiert, sowie Christoph Cluse und Rotraud Ries für ihre (ausführlichen) Mitschriften, die zur Ergänzung des Berichts beigetragen haben.


    [1] Die Website des DFG-Projektes ist abrufbar unter: https://www.uni-trier.de/forschung/forschungsprofil/forschungsgruppen/standard-titel/forschung.

    [2] Abrufbar unter www.austriajudaica.at.


    Rotraud Ries
    Rotraud Ries
    Historikerin mit Schwerpunkt deutsch-jüdische Geschichte, mit zahlreichen Publikationen besonders zur Frühen Neuzeit. Leitete zuletzt das Johanna-Stahl-Zentrum für jüdische Geschichte und… Weiterlesen

    OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
    Rotraud Ries (12. Juni 2026). Tagungsbericht 2026. Forum Jüdische Geschichte. Abgerufen am 16. Juli 2026 von https://www.forum-juedische-geschichte.de/2121


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