Die 27. Arbeitstagung des Forums widmet sich “Verlust – Bewältigung – Neuanfang in der jüdischen Geschichte des 15. bis 17. Jahrhunderts”. Sie findet vom Fr., 12. bis So., 14. Feburar 2027 in der Akademie in Stuttgart-Hohenheim statt und befasst sich mit den von Umbrüchen geprägten Lebensverhältnissen jüdischer Gemeinschaften und Individuen. Die Strategien des Umgangs damit und die wissenschaftlichen Diskurse darüber stehen im Zentrum.
Der Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit ist in der jüdischen Geschichte durch fast flächendeckende Vertreibungen gekennzeichnet. Die Folge war eine Vereinzelung jüdischen Daseins, die sich sowohl auf individuelle Biografien als auch auf die Organisation religiöser Gemeinschaften auswirkte. Die Umstände variierten jedoch stark. Sie hingen vom rechtlichen und materiellen Status der Betroffenen sowie von den Konjunkturen obrigkeitlichen Verhaltens ab.
Jüdinnen und Juden erschlossen sich neue Handlungsspielräume zur Wahrung ihrer religiösen und kulturellen Identität wie zur Sicherung ihrer materiellen Lebensgrundlagen. Unser Wissen darüber ist jedoch noch punktuell und unsystematisch – neue methodische Ansätze sollen ein differenzierteres Bild liefern, das sich aufgrund der schwierigen Quellenlage erst allmählich erschließen lässt. Die Tagung beleuchtet über die Grenzen des aschkenasischen Kulturraums hinaus, inwieweit bestehende Deutungsmuster zur bisher wenig erforschten Anfangszeit der Frühen Neuzeit überdacht werden sollten.
In Vorträgen könnten bevorzugt die folgenden Fragenkomplexe ins Auge gefasst werden:
(1) Kontinuität und Wandel: Die Umbrüche der Frühen Neuzeit wie Reformation, Kriege und der Wandel rechtlicher Grundlagen im Zuge der Territorialisierung wirkten sich auf die familiären, religiösen und sozialen Verhältnisse jüdischer Gemeinschaften aus. Rechtliche Gegebenheiten wie die Ansiedlungsbedingungen, der Stadtzugang oder die Nutzung von Gerichten mussten neu ausgehandelt werden. Inwiefern äußerte sich aber auch ein Festhalten an bestehenden Strukturen? Auch eine transregionale Perspektive kann neue Zugänge zum Verhältnis von Kontinuität, Mobilität und sozialer Einbindung erschließen und ermöglicht es, jüdische Lebenswelten jenseits regionaler Grenzen zu betrachten. Muss unsere Vorstellung von der historischen Zäsur nach den Vertreibungen aus den Städten und dem Wegfall des Großteils der traditionsreichen jüdischen Gemeinden des Mittelalters präzisiert oder revidiert werden?
(2) Individuum und Kollektiv: Wie wurden religiöse Praxis, Bildung und Handel in regionalen Räumen nach dem Wegfall der urbanen Zentren organisiert und stabilisiert? Welche Auswirkungen hatte der materielle wie auch immaterielle Verlust auf individueller sowie gemeinschaftlicher Ebene in der (Um-)Welt der Frühen Neuzeit? Als Ansatz kann die Bedeutung von Kommunikation und Kooperation auf lokaler und überregionaler Ebene betrachtet werden. Eine mikrohistorische Methodik könnte ermöglichen, Individuum und Gemeinschaft, Lebenswelt und Nachbarschaft sowie wirtschaftliche Beziehungen zur nichtjüdischen Umwelt gemeinsam zu analysieren und dadurch vielfältige Formen jüdischer Präsenz und sozialer Einbindung sichtbar zu machen.
(3) Mobilität und Migration: Wie prägten Wanderungsbewegungen über unterschiedliche räumliche Distanzen hinweg jüdische Lebenswelten in Europa? Lassen sich hier Muster erkennen? Welche Bedeutung hatten Verfolgung und Vertreibung, aber auch Rückkehr und Verbleib für transregionale Netzwerke und Verflechtungen, die über den deutschsprachigen Raum hinausgingen? Wie strukturierten sich die Verhältnisse auch im mediterranen sowie ost- und mitteleuropäischen Kulturraum vor diesem Hintergrund neu? Oft hielten Jüdinnen und Juden an bestehenden Bräuchen und Traditionen fest, um ihre (religiöse) Identität an ihrem neuen Wohnort zu bewahren. Dabei kann betrachtet werden, wie Mobilität soziale, wirtschaftliche und religiöse Beziehungen veränderte und neue Formen der Zugehörigkeit hervorbrachte.
Das seit dem Jahr 2000 bestehende Forum „Jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit“ dient dem Austausch von Historiker:innen, Judaist:innen und allen, die sich wissenschaftlich mit Aspekten jüdischer Geschichte und Kultur vom späten Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert beschäftigen.
Die 27. Arbeitstagung findet vom 12. bis 14. Februar 2027 in Kooperation mit dem Fachbereich Geschichte der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart im Tagungszentrum Hohenheim statt. Sie wird in Zusammenarbeit mit der DFG-Forschungsgruppe „Aschkenas in neuen Lebenswelten. Akteure, Praktiken und Räume in der jüdischen Geschichte Mitteleuropas während des 15. und 16. Jahrhunderts“ durchgeführt.
Wir laden zum Thema Forschende herzlich ein, sich mit Beiträgen von maximal 20–25 Minuten an der Tagung des Forums zu beteiligen. Dies können auch Werkstattberichte aus aktuellen Projekten bzw. Promotionsarbeiten sein. Wie bei Arbeitskreisen üblich, sorgen die Teilnehmenden, auch die Referentinnen und Referenten, selbst für die Finanzierung ihrer Kosten. Für interessierte Studierende ist in Einzelfällen ein Zuschuss möglich.
Wir freuen uns auf Ihren kurzen Abstract im Umfang von rund 500 Wörtern, der neben den jeweiligen Gegenstandsfeldern auch mögliche Fragestellungen und Ziele skizziert. Bitte fügen Sie auch eine Kurzbiografie in etwa 100 Wörtern bei. Bitte senden Sie Ihr Abstract bis zum 19.10.2026 an Carina Klebuch (klebuch@steinheim-institut.org).
Konzeption und Vorbereitung
- Dr. Christoph Cluse (Trier)
- Carina Klebuch (Essen)
- Prof. Dr. Stephan Laux (Trier)
- Julia Mutzenbach (Eichstätt/Essen)
- Prof. Dr. Lucia Raspe (Essen)
- Dr. Rotraud Ries (Herford)
Kontakt: ries@forum-juedische-geschichte.de
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Rotraud Ries (17. September 2026). Call for Papers 2027. Forum Jüdische Geschichte. Abgerufen am 13. Oktober 2026 von https://www.forum-juedische-geschichte.de/2217
