Bericht 16 2015

Juden in der europäischen Wirtschaftsgeschichte, II: Von Kaufleuten, Fenstermachern und Viehhändlern

von Ursula Reuter, Köln

Vom 6. bis 8. Februar 2015 veranstaltete das Interdisziplinäre Forum »Jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit und im Übergang zur Moderne« seine 16. Arbeitstagung. Erneut konnte diese in der angenehmen Atmosphäre des Tagungszentrums Hohenheim der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart stattfinden, erstmals betreut von der Akademiereferentin Petra Kurz, der Nachfolgerin von Dieter Bauer.

Zum zweiten Mal in Folge widmete sich das Forum dem Thema „Juden in der europäischen Wirtschaftsgeschichte“. Hatten 2014 Geld- und Kreditwesen im Fokus der Referate und Diskussionen gestanden, so sollte diesmal ein breiteres Spektrum wirtschaftlicher Aktivitäten, Berufe und sozialer Schichten in den Blick genommen werden – daher auch der Untertitel „Von Kaufleuten, Fenstermachern und Viehhändlern“.

Das erneut große Interesse am Thema zeigt, dass der economic turn der Geschichtswissenschaften inzwischen auch in der jüdischen Geschichte angekommen ist – zumal hier neue Ansätze besonders notwendig erscheinen. So wurde die jüdische Geschichte von nichtjüdischen, häufig NS-affinen Wissenschaftlern lange Zeit auf die wirtschaftliche Dimension reduziert, was als Gegenreaktion dazu führte, dass die neuere Forschung – auch im Zeichen der verschiedenen kulturellen turns – sie eher vernachlässigte. Angestrebt wird eine kulturwissenschaftlich erweiterte Wirtschaftsgeschichte, die eine „Einbettung der wirtschaftlichen Dimension in eine Kultur- und Sozialgeschichte der Juden und der christlich-jüdischen Beziehungen“ bietet, so Rotraud Ries, Initiatorin des Forums und mit Susanne Bennewitz und Christoph Cluse Organisatorin der diesjährigen Tagung.

Zur Einführung formulierte Sabine Ullmann einige grundsätzliche Überlegungen zur Analyse und Konzeptionalisierung jüdischer Erwerbstätigkeit in der Vormoderne. Der Wirtschaft kam eine wesentliche Scharnierfunktion im Verhältnis zwischen Juden und Christen zu, wobei die Doppelgesichtigkeit der ökonomischen Beziehungen – die das Potential hatten, die Integration wie aber auch die Gefährdung der jüdischen Minderheit zu steigern – auffallend ist. Die Bedingungen jüdischen Handels gestalteten sich vor Ort durchaus unterschiedlich, abhängig u.a. von obrigkeitlichen Vorgaben, der Virulenz religiöser Differenz und der Ausprägung spezifischer wirtschaftlicher Praktiken. Weder gab es eine Omnipräsenz des jüdischen Handels in einzelnen Wirtschaftsräumen noch ist die Vorstellung einer ausschließlichen ökonomischen Nischenexistenz von Juden und Jüdinnen, abgesondert von den wirtschaftlichen Kreisläufen des nichtjüdischen Umfelds, zutreffend. Gerade das Aufeinanderbezogensein der Ökonomien von Juden und Nichtjuden ist als roter Faden bei der Erforschung jüdischer Erwerbsweisen zu verfolgen, wozu Ullmann das Konzept der „Kontakträume“ als Analyseinstrument für die christlich-jüdischen Handelsbeziehungen vorstellte. Zudem betonte sie die Notwendigkeit, die überlieferten Quellenbestände, die fast immer wirtschaftliches Handeln nur selektiv abbilden, zu kontextualisieren und sie als „Ausdruck einer pragmatischen Schriftlichkeit, eines Informationsmanagements“ der Obrigkeiten zu analysieren.

Eine Fülle spannender Detailstudien verdeutlichte im Folgenden, dass sowohl auf der Mikro- als auch auf der Makroebene noch viele Fragen nach Funktion, Umfang und Praxis wirtschaftlicher Tätigkeit von Juden und Jüdinnen zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert ungeklärt sind. Antworten lieferte insbesondere die Analyse bisher kaum beachteter Quellenbestände, die ein differenziertes und vielfältiges Bild jüdischer Wirtschaftstätigkeit zeichneten und in der Zusammenschau Bausteine für eine neue jüdische Wirtschaftsgeschichte stellen können.

Wie wichtig es ist, Quellen zu kontextualisieren, zeigte Jürgen Heyde in seinem Referat über den Krakauer Handelsvertrag von 1485 zwischen dem Magistrat und der jüdischen Gemeinde. Nach dessen Wortlaut verzichtete letztere ohne Gegenleistung fast völlig auf eine jüdische Handelstätigkeit, doch fehlen Belege dafür, dass diese Bestimmung auch praktisch durchgesetzt wurde. Stattdessen interpretierte Heyde den Vertrag „in erster Linie als performativen Akt zur Demonstration von Autorität“. Langfristig wurde allerdings mithilfe des Vertrags eine Marginalisierung der jüdischen Wirtschaftstätigkeit in Krakau eingefordert.

Michaela Schmölz-Häberlein stellte die Organisation jüdischer und christlich-jüdischer Handelsgesellschaften im Süden des Alten Reichs anhand von Gesellschaftsverträgen des 17. und 18. Jahrhunderts vor, die bisher von der Forschung weitgehend ignoriert worden sind. Auf eine bestimmte zeitliche Dauer oder für die Abwicklung eines Geschäfts geschlossen, hatten die Handelsgesellschaften zumeist größere Unternehmungen wie Truppenlieferungen, die Finanzierung von Manufakturen u.ä. zum Ziel, waren also im Umkreis der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit dem frühmodernen Staat angesiedelt.

Johann Dietrich von Pezold präsentierte seine Forschungen zu drei Generationen einer Familie jüdischer Fernhändler in (Hann.) Münden an der Weser zwischen 1660 und 1740. Durch die Auswertung der Mündener Schlagdgeldregister und weiterer serieller Quellen konnte er das Volumen und das Spektrum der von ihnen gehandelten Güter bestimmen.

Familiennetzwerke spielen traditionell ein zentrale Rolle für jüdische Wirtschaftsaktivitäten und standen daher in mehreren Referaten im Fokus. So beschäftigte sich Cornelia Aust mit dem Aufstieg einer neuen, teilweise zugewanderten jüdischen Unternehmerelite in Warschau und ihren transregionalen familiären und geschäftlichen Netzwerken vom letzten Drittel des 18. in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts und zeigte, wie für sie der Übergang von der Tätigkeit als Armeelieferanten ins Bankgeschäft verlief. Diese Familien, die nicht zu den alten Oberschichten gehörten, stellten eine Zwischen- oder Übergangsgeneration dar, ihre Nachfahren wurden häufig Teil einer neuen jüdischen Unternehmerelite des 19. Jahrhunderts.

Monika Müller stellte mit den Monheimer Judenprotokollen eine serielle Quelle aus dem Fürstentum Pfalz-Neuburg vor, mit deren Hilfe ein Großteil der lokalen jüdischen Handelsaktivitäten in den Jahren 1703-1741 rekonstruiert werden kann – wenn auch mit Einschränkungen: Es sind nur die Protokolle eines Landgerichts erhalten, nur Geschäfte über 10 Gulden mussten protokolliert werden, und Adlige, Mitglieder des Hof- oder Geheimen Rats sowie sonstige kurfürstliche Beamte waren von der Protokollpflicht befreit. Die Quelle bietet somit zu bestimmten Fragen Erkenntnismöglichkeiten und Forschungsperspektiven, stößt aber auch an Grenzen, wie das Beispiel des vielfach belegten Händlers Benjamin zeigt, dessen Bankrott aus den Aufzeichnungen der Judenprotokolle jedoch nicht nachzuvollziehen ist.

Auch in den Viehhandelsprotokollen des mittelfränkischen Dorfes Neuhaus aus dem 18. Jahrhundert, die Andreas Schenker vorstellte, wurden nur bestimmte geschäftliche Aktivitäten der ländlichen jüdischen Viehhändler dokumentiert. Sie dienten der notariellen Absicherung von Geschäften mit offenen Ansprüchen – zum einen handelte es sich um Kreditverkäufe, zum anderen um Viehverstellungen. Durch die zusätzliche Auswertung von Gerichtsprotokollen ließen sich interessante Schlussfolgerungen über die Risiken dieser Geschäfte gewinnen. Während die Kreditverkäufe bei der einkommensschwachen Kundschaft häufig mit einem hohen Risiko behaftet waren, waren die Viehverstellungen ein relativ sicheres Geschäft für beide Parteien.

Eine andere Perspektive nahm Gabi Rudolf durch die Auswertung der für die Jahre 1742 bis 1782 erhaltenen Rechnungsbücher des Rittergeschlechts Thüngen ein, die einen Vergleich der christlichen und jüdischen Geschäftstätigkeit mit der Herrschaft ermöglichen, wo Ende des 18. Jahrhunderts eine der größten jüdischen Gemeinden in Franken beheimatet war. Sie kam zu dem Schluss, dass für Juden in Thüngen ein klar begrenzter wirtschaftlicher Entfaltungsspielraum bestand, der durch territorialherrschaftlich definierte Rahmenbedingungen eine Konkurrenzsituation zu christlichen Untertanen nur in bestimmten Bereichen erlaubte. Sie waren im Viehhandel und Warenhandel tätig, nahmen in diesen Bereichen aber keine dominante Stellung gegenüber christlichen Händlern ein.

Patrick Berendonk stellte das Forschungsdesign und erste Ergebnisse seines Dissertationsprojekts „Justiz und Vorurteil“ vor. Untersuchungsgegenstand ist der Umgang der Richter von vier landesherrlichen Obergerichten mit jüdischen Parteien in Zivilprozessen des 18. Jahrhunderts, wobei die ausgewählten Territorien die konfessionelle Pluralität des Alten Reiches abbilden. Durch die Auswertung von Relationen und Urteilsvoten sollen die Wissensbestände, die die Richter internalisiert hatten und ihren Umgang mit der jüdischen Minderheit vorprägten, identifiziert und erforscht werden, in welcher Weise sie in die Urteilsfindung einflossen.

Mit den komplexen Kommunikations- und Geschäftsbeziehungen jüdischer und christlicher Handelspartner unterhalb der Ebene von Hofjuden und Fürsten beschäftigte sich Christian Porzelt am Beispiel des Kronacher Kaufmanns Jonas Isaac (um 1680 – 1743?), der geschäftliche Kontakte mit diversen Adelsfamilien in der Umgebung seiner Heimatstadt unterhielt. Die Auswertung seiner umfangreichen Geschäftskorrespondenz mit Johann Ludwig von Würtzburg bot faszinierende Einblicke in den Ablauf frühneuzeitlicher Handels- und Kreditbeziehungen inklusive Krisenbewältigungs- und Eskalationsstrategien.

Dass der Handel (in all seinen Varianten) zwar eine wichtige, aber keinesfalls die einzige jüdische Erwerbsmöglichkeit im Deutschland der Vormoderne war, ist seit langem bekannt, doch liegen Informationen über andere Berufe – mit Ausnahme der Ärzte – oft nur in rudimentärer Form vor. Mit jüdischen Glasern und Fenstermachern im Erzstift Trier und am Mittelrhein im 16. Jahrhundert beschäftigte sich Andreas Göller. Während jüdische Glaser im Mittelalter vor allem im mediterranen Raum nachzuweisen sind, entstand in der Frühen Neuzeit auch in Deutschland ein jüdischer Handwerkssektor, der in erster Linie für ein christliches Publikum arbeitete. Oft wiesen diese Handwerker Mehrfachqualifikationen auf. Noch ist ungeklärt, auf welche Weise das Wissen über Glaserei und Fenstermachen in jüdischen Familien tradiert wurde.

Abschließend widmete sich Wolfgang Treue einer Branche, die im 18. Jahrhundert einen großen Aufschwung erlebte: Als „Hof-Agenten und Haupt-Collecteure“ wurden Juden Propagatoren und Multiplikatoren im populären Lotteriewesen, wie er anhand von Beispielen aus Frankfurt zeigte. War das Geschäftsmodell nicht risikolos, versprach es doch materiellen Gewinn und soziales Prestige. Gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil waren Juden in der Branche deutlich überproportional vertreten, doch hatten sie auch hier keinesfalls ein Monopol inne.

Hatten die Fallstudien verdeutlicht, wie wichtig es ist, genau hinzuschauen und sich nicht von alten Gewissheiten und Konzepten wie dem der „Nischenökonomie“ täuschen zu lassen, so standen in der Schlussdiskussion Überlegungen im Mittelpunkt, wie neue, kulturwissenschaftlich informierte Konzepte – wie etwa „Risiko“ und „Vertrauen (trust)“ – für die Erforschung der jüdischen Wirtschaftsgeschichte fruchtbar gemacht werden können. So wurde diskutiert, inwieweit der Wille, Risiken zu übernehmen, kennzeichnend für die jüdische Geschäftstätigkeit in der Frühen Neuzeit sei, und danach gefragt, welche Rolle das Vertrauen zwischen Geschäftspartnern, die Aufrechterhaltung des guten Namens, die Abhängigkeit zwischen Personen und die rechtlichen Abhängigkeiten der jüdischen Akteure für jüdische bzw. jüdisch-christliche Geschäftsbeziehungen spielten.

Programm 16 2015

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