Bericht 17 2016

Bella figura judaica? Auftreten und Wahrnehmung von Juden in Mittelalter und Früher Neuzeit

von Joachim Werz, Tübingen

Die 17. Arbeitstagung des Interdisziplinären Forums ‚Jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit und im Übergang zur Moderne’ fand vom 12. bis 14. Februar 2016 im Tagungszentrum Hohenheim der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart statt. Sie wurde von Cornelia Aust (IEG Mainz), Rotraud Ries (Johanna-Stahl-Zentrum, Würzburg), Christoph Cluse (Arye Maimon-Institut, Trier) und von Petra Kurz als Akademiereferentin organisiert.

Die Tagung thematisierte das Auftreten und die Wahrnehmung von Juden im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit und stellte die Frage, wie die Wahrnehmung von tatsächlichen und vorgestellten Unterschieden zwischen Juden und Christen über Jahrhunderte die gegenseitigen Beziehungen beeinflusste und prägte. Distinktive Merkmale jüdischer und christlicher Kleidung und Abzeichen sollten von jüdischer und obrigkeitlicher Seite dafür sorgen, einen Raum des je Eigenen zu schaffen. Wie auch einzelne Vorträge der Tagung zeigten, war das zunehmende Interesse am Körper im Europa der Frühen Neuzeit Grund dafür, dass sich in den Vorstellungen und Imaginationen sowohl von Christen als auch Juden konkrete Stereotype ‚des jüdischen Körpers‘ verfestigten. Vor allem der Blick in inner- wie außerjüdischer Perspektive auf jüdisches Auftreten ermöglichte den TeilnehmerInnen einen interessanten Zugang zum Thema der Tagung.

Zur Einführung in die Tagung präsentierte Cornelia Aust (Mainz) einen kurzen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur Analyse distinktiver Merkmale innerhalb des Judentums und zwischen Juden und Christen und formulierte einige Forschungsdesiderate: Fragen nach dem imaginierten Eigenen und nach dem imaginierten Anderen ziehen die Problematik der Identität und der Alterität mit sich. Aust vermerkte, dass die Studien zum jüdischen Körper in den letzten Jahren zugenommen hätten. Nichtsdestotrotz sollte in weiteren Forschungen die Wahrnehmung des jüdischen Körpers in der Frühen Neuzeit auch im Vergleich mit Vorstellungen des 19. und 20. Jahrhunderts untersucht werden. Auch die jüdische Unterschicht, hebräische Quellen und Fragen der Intersektionalität sollten in der Forschung stärker in den Blick genommen werden.

Naomi Lubrich (Zürich) stellte ihr kunsthistorisches Forschungsprojekt zum Judenhut als Kulturgeschichte des pileus cornutus vor, die bisher ein Desiderat darstellt. DerJudenhut – wahrscheinlich aus der phrygischen Mütze entstanden – war etwa 500 Jahre lang das sichtbare Merkmal, mit dem Juden identifiziert wurden. Solche Hüte waren jedoch schon in den Jahrhunderten zuvor ein modisches und an den Höfen bevorzugtes Accessoire der reichen Schichten entlang der Seidenstraße. Ab dem 13. Jahrhundert war es im deutschsprachigen Gebiet des Reiches ein vorgeschriebenes Kleidungsstück für Juden. Als Modehistorikerin stellte  Lubrich die Frage nach der Ikonographiegeschichte des Judenhutes und wie der Judenhut im Laufe der Zeit ein Zeichen für Gefahr und Täuschung wurde, unabhängig von seinen ursprünglich jüdischen Trägern. Es wurde deutlich, dass der Judenhut ein interdisziplinäres Forschungsthema darstellt, das sowohl von der Modegeschichte als auch von der Rechtsgeschichte, der Volkskunde und der Kunstgeschichte aus analysiert werden sollte.

Robert Jütte (Stuttgart) stellte seine Forschungsergebnisse zu Bärten und Perücken bei Juden in der Frühen Neuzeit vor. Die rote Farbe des Bartes wurde bereits seit der Antike negativ konnotiert und ließ den Bartträger minderwertig erscheinen. Dieser Topos finde sich bis in die Frühe Neuzeit. Generell wurde das Tragen eines Bartes in der Geschichte sehr unterschiedlich gedeutet. Zu gewissen Zeiten war der Bart modisch, zu anderen Zeiten jedoch ein Zeichen der Distinktion. Galt im christlichen Klerus das rasierte Gesicht als Ideal, verboten die Vorschriften (takkanot) etwa der Rheinischen Judengemeinden des 13. Jahrhunderts das Rasieren. War im Kreis frommer Juden neben den Schläfenlocken der Vollbart ein Zeichen der Frömmigkeit, galt der Bart in kirchlichen Kreisen als Kennzeichen des Unchristlichen und als Merkmal des Barbarischen. Das Aufkommen der  bürgerlichen Bärte im 16. Jahrhundert zeige, dass im Alltag dieses Distinktionsmerkmal an Bedeutung verlor. Robert Jütte stellte neben dem – männlichen – Bart auch die Geschichte der Perücken bei jüdischen Frauen vor. Er zeigte, dass das Aufkommen von Perücken bei Nichtjüdinnen und Jüdinnen in der Frühen Neuzeit die Frage nach der religiösen Zulässigkeit dieser Kopfbedeckung aufwarf. Im Osteuropa des 19. Jahrhunderts dagegen, als Perücken bei nichtjüdischen Frauen längst aus der Mode waren, entwickelte sich die Perücke (der Scheitl) zum Zeichen orthodoxer Lebensweise.

Rebekka Voß (Frankfurt a.M.) referierte zu jüdischen Diskursen über Schönheit und Hässlichkeit angesichts der Wahrnehmung jüdischer Körper. Voß fragte, wie sich christliche Vorstellungen vom hässlichen und deformierten jüdischen Körper auf die jüdische Selbstwahrnehmung auswirkten. Eine der am weitesten verbreiteten christlichen Negativdarstellungen war die Annahme, dass Juden keinen Sinn für Ästhetik besäßen. Voß zeigte, dass die Reaktion der jüdischen Gesellschaft auf diese Vorstellungen äußerst vielschichtig war. Einerseits wurde durchaus Wert auf ein attraktives Äußeres gelegt. Andererseits betonte der jüdische Gegenentwurf‚ dass ‘wahre’ Schönheit mit ‚wahrer’ Frömmigkeit und einem rechtschaffenen Lebenswandel vor Gott und den Menschen einhergehe. Voß zeigte außerdem, dass Juden Strategien zur Bewältigung dieses Vorwurfs entwickelten, indem sie Argumentationsmuster wie die Beschreibung schöner Juden in der Vergangenheit oder im messianischen Zeitalter verwandten.

Victoria Gutsche (Erlangen) sprach in der zweiten Sektion über den jüdischen Körper auf der Bühne des 17. Jahrhunderts.  Die Verwendung biblisch-jüdischer Figuren finde sich in allen Gattungen der Bühnen- und Schauspielkunst.  Die Figur des Juden musste jedoch als solche zu erkennen sein. Gutsche zeigte, dass dieser Erkennungsprozess oft über die Programmhefte erreicht wurde. Vor dem 16. Jahrhundert wurde die Figur des Juden über einen Bart oder durch das Tragen eines Judenhutes erreicht, an dem echte oder pseudo-hebräische Buchstaben angebracht wurden. Gerade über die Sprache wurde Fremdheit und Alterität erzeugt. So wurden pseudo-hebräische Reden frei erfunden und wirkten aufgrund der Unverständlichkeit als Bedrohung für die Zuschauer. Auch die gottesdienstliche Musik der Synagoge wurde auf der Bühne kakophonisch verballhornt. Als Beispiel für den Umgang mit Juden führte die Referentin das Drama Der Jude von Venetien aus dem 17. Jahrhundert an. Die Darstellung des Juden zu dieser Zeit beruhte oftmals darauf, dass das Wesen des Juden nicht durchschaubar sei. Im Gegensatz dazu bildete die ebenfalls vorgestellte Komödie Horribilicribrifax Teutsch von Andreas Gryphius, in der der Pfandleiher und Rabbi Isaschar als einziger zwischen Sein und Schein unterscheiden kann, in ihrem pragmatischeren Umgang mit dem Judentum eine Ausnahme unter den Komödien des 17. Jahrhunderts.

Carlotta Lea Posth und Joachim Werz (beide Tübingen) präsentierten erste Forschungsergebnisse zu rhetorischen und performativen Strategien zur Darstellung devianten jüdischen Verhaltens in Predigten und Schauspielen des 15. bis 17. Jahrhunderts. In ihrem Doppelvortrag zeigten die Referierenden Jahrhunderte überdauernde Stereotype jüdischen Verhaltens an Beispielen von ausgewählten Schauspielen und Predigten auf. Deutlich wurde, dass zum einen in Schauspielen und Predigten jüdisches Verhalten stigmatisiert und einem christlichen Ideal gegenübergestellt wurde, zum anderen aber auch historisch bedingte Prozesse der Transformation stattfanden. Diese konnten vor allem in der Parallelisierung und Synonymisierung der evangelischen Christen als neue Juden in katholischen Predigten festgemacht werden. An zahlreichen Quellenbeispielen trugen beide Doktoranden in Thesenform ihre ersten Beobachtungen aus mediävistisch-literaturwissenschaftlicher und kirchenhistorischer Perspektive vor.

Ruth von Bernuth (Chapel Hill) referierte unter dem Titel „Nackt auf einem Steckenpferd. Repräsentationen des dritten und vierten Sohnes in der Pessach Haggadah“ und thematisierte die Darstellung von Narrheit in christlichen und jüdischen Bildquellen. Ihr Fokus lag dabei auf natürlichen Narren, die durch mentale Andersartigkeit von der gesellschaftlichen Norm abwichen. Abbildungen solcher natürlichen Narren finden sich nicht nur in der Pessach Haggadah, sondern auch im Kontext der christlichen Gebetsliteratur. Bernuth zeigte dabei die Bandbreite von Narrenillustrationen auf und setzte sie in Beziehung zu verschiedenen frühneuzeitlichen Vorstellungen von natürlicher und künstlicher Narrheit. Dabei wurde die Interdependenz solcher Abbildungen deutlich, und dass der symbolische Körper der Narren in der christlichen und in der jüdischen Kultur eine wichtige gesellschaftliche Rolle einnahm.

Cornelia Aust (Mainz) unterstrich in ihrem Vortrag die Bedeutung innerjüdischer Kleiderordnungen der Frühen Neuzeit für die Konstruktion von Differenz nach Innen und Außen. So waren sowohl die christliche als auch die jüdische Obrigkeit bereits seit dem Spätmittelalter darauf bedacht, eine visuelle Distinktion zwischen Juden und Christen herzustellen. Innerjüdische Kleiderordnungen zielten aber auch auf die Markierung von sozialer und geschlechtsspezifischer Differenz innerhalb der jüdischen Gesellschaft, wie Aust an mehreren jüdischen Kleiderordnungen aus dem deutschsprachigen Raum und der polnisch-litauischen Adelsrepublik zeigen konnte. Dabei wurde vor allem das äußere Erscheinungsbild jüdischer Frauen stark reglementiert. Das 17. Jahrhundert bildete dabei einen Höhepunkt der Kleiderordnungen und ihrer Auswirkungen auf das soziale und religiöse Leben.

Johannes Czakai (Berlin) referierte über Juden und ihre Namen im Spiegel christlicher Publikationen des 17. und 18. Jahrhunderts. Da viele Juden bis zum Ende des 18. Jahrhunderts keine festen Familiennamen trugen, erließen mehrere Staaten, darunter Österreich, Namensgesetze. Der Referent bezog sich in seinem Vortrag vor allem auf protestantische Quellen und zeigte am Beispiel von Konversionsberichten, dass die neuen Namen konvertierter Juden zwar einerseits als Voraussetzung für das christliche Heil verstanden wurden, aber oftmals so übertrieben waren, dass von antijüdischer Seite dagegen polemisiert wurde. Vor allem Familiennamen unterlagen im Zuge dessen meist einer symbolischen Transformation. Den konvertierten Juden neue Namen zu geben, unterstützte auch auf eine ganz eigene Art und Weise die Wahrnehmung des Fremden, Unbekannten und Jüdischen. Insgesamt rief die Untersuchung jüdischer Namen in ethnographischen Arbeiten und anderen christlichen Quellen oft Misstrauen hervor.

Am Sonntag eröffnete Falk Wiesemann (Düsseldorf) mit seinem Beitrag über die Darstellungen Gottes und der Engel im jüdischen Buch im Zeitraum des 16. bis 19. Jahrhunderts die letzte Sektion der Tagung. Die Frage nach der Transformation christlicher Bildvorlagen anthropomorpher Darstellungen Gottes stand im Zentrum seines Vortrags. Zwar seien jüdische Bücher seltener als christliche mit Bildern ausgestattet, dies indiziere jedoch nicht eine negative Haltung von Juden zum Buchdruck. Wiesemann zeigte anhand einer Reihe jüdischer Bücher (1540 und später), wie anthropomorphe Darstellungen Gottes auch in jüdische Bibelausgaben Einzug hielten. In vergleichender Weise wies der Referent nach, dass es sich meist um typisch christliche Vorlagen handelte. Besonderes Augenmerk legte er auf die verschiedenen hebräischen Schreibweisen des Gottesnamens. 

Über das die Geschichte hindurch ambivalente Verhältnis von „Synagoga“ und „schöner Jüdin“ referierte Annette Weber (Heidelberg). Ausgehend vom Mittelalter bis in die jüngste Gegenwart  verdeutlichte sie die Genese und den Wandel eines jüdischen Stereotyps. Weber arbeitete heraus, dass die Ideologie, Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihres Aussehens und vieler anderer Merkmale einzustufen, zu den Grundüberzeugungen westlicher Zivilisation gehöre, was die Geschichte Europas mehr als deutlich zeige. Sie verdeutlichte, dass erst nach der Shoa ein Umdenken hierzu einsetzte. Weber fragte zu Recht, wie Bilder oder Vorstellungen es vermochten und vermögen, eine solche Macht auf ganze Gesellschaften auszuüben. Eine Antwort könnte in visuellen und literarisch einprägsamen Formen liegen. Die formale Qualität vermöge ästhetischen Konstrukten auch dann noch Persistenz zu sichern, wenn die theologischen oder historischen Informationen nicht mehr zur Verfügung stünden.

Die zweitägige Tagung beschäftigte sich auf interdisziplinäre Weise mit dem Auftreten und der Wahrnehmung von Juden im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Den Referentinnen und Referenten ist es in ihren Beiträgen gelungen, einen regen wissenschaftlichen Diskurs in den anschließenden Diskussionen anzustoßen und neue Fragen aufzuwerfen. Die Arbeitstagung 2017 wird sich mit Prozessen der Konfessionalisierung beschäftigen, ihren Auswirkungen auf das Judentum ebenso nachgehen wie die Frage nach einer Konfessionalisierung innerhalb des Judentums im 18. Jahrhundert stellen.

Programm 17 2016

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