Bericht 19 2018

Buchgeschichte und jüdische Geschichte in der Frühen Neuzeit

von Julia Mutzenbach, Düsseldorf

Die 19. Tagung des interdisziplinären Forums „Jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit“ fand in diesem Jahr vom 16. bis 18. Februar unter der Leitung von Marion Aptroot (Düsseldorf), Christoph Cluse (Trier), Lucia Raspe (Frankfurt/Berlin) und Rotraud Ries (Würzburg) statt. In der angenehmen Atmosphäre des Tagungszentrums der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Hohenheim zeichnete Johannes Kuber für die Organisation und Betreuung verantwortlich.

In der Einführung in das facettenreiche Thema der jüdischen Buchgeschichte wies Marion Aptroot (Düsseldorf) auf die diffuse Definition des Begriffs des jüdischen Buches hin. Neben Büchern, die von Juden für Juden in von Juden gesprochenen und geschriebenen Sprachen verfasst worden sind, gibt es ein breites Spektrum von Büchern, die in Wechselwirkung mit der nichtjüdischen Umgebung entstanden. Die jüdische Buchgeschichte der Frühen Neuzeit ist in mancher Hinsicht wenig erforscht, hat aber in letzter Zeit zunehmend Aufmerksamkeit erfahren. Nach Emile Schrijver könnte eine Ursache für die weniger fortgeschrittene jüdische Buchwissenschaft sein, dass die Eigenheiten des jüdischen Buchs bisher nicht ausreichend wahrgenommen wurden, da die Forschung sich überwiegend auf Kriterien der allgemeinen Buchwissenschaft gestützt hat. Andererseits muss die jüdische Buchkultur im Kontext der allgemeinen Entwicklungen, wie der grundlegenden Veränderungen durch die Erfindung des Buchdrucks, betrachtet werden. Neben deskriptiven Analysen von Manuskripten und Drucken ist die Betrachtung der Funktion des Buchs als Medium der Schriftkommunikation von großer Bedeutung.

Die angekündigten Beiträge der Tagung zeigen erfreulicherweise, dass die jüdische Buchgeschichte aktuell aus diversen Perspektiven bearbeitet wird und dass zukünftig mit neuen Erkenntnissen gerechnet werden kann.

Die ersten beiden Vorträge widmeten sich Themen der Übergangszeit von Handschriften zu Druckerzeugnissen. Rodica Herlo-Lukowski (Münster) stellte mit „Joel ben Simeon – Ein jüdischer Schreiber und Maler als Zeitzeuge der Entwicklung des Buchdrucks“ ihr Dissertationsprojekt vor. Darin verfolgt sie die Frage, ob bereits die Handschriften von Joel ben Simeon die Anpassung an den Trend der Rationalisierung von Büchern zwecks ökonomisch effizienter, serieller Produktion für ein größeres Publikum erkennen lassen. Anhand von ausgewählten Beispielen zeigte sie, dass die Manuskripte zwar weiterhin ästhetischen Aufwand erkennen lassen, dass allerdings auch Einsparungen in Illustration und Illumination auffallen.

Anschließend wurde diskutiert, inwiefern Joel ben Simeon als Zeitzeuge des aufkommenden Buchdrucks gesehen werden kann und inwiefern er den Trend zur Entwicklung einer Massenproduktion verfolgte, der mit der Drucktechnik weitergeführt wurde.

Dass nicht nur die physische Beschaffenheit der Bücher erfasst, sondern auch die Art der Benutzung bedacht werden muss, machte Oren Roman (Düsseldorf) in seinem Vortrag „The Aural Aspect of Reading in Early Modern Ashkenazic Jewish Society“ deutlich. Die typische Lesepraxis der Frühen Neuzeit war das Vorlesen vor Publikum. Dabei wurde der geschriebene Text jedoch nicht strikt wiedergegeben, sondern Betonungen, Kommentare, Übersetzungen oder sogar inhaltliche Veränderungen vorgenommen, sodass die Lesart der Bücher durch kulturelle, ästhetische oder religiöse Einflüsse moduliert wurde. Hier ergibt sich eine Forschungslücke, die nur geschlossen werden kann, wenn vorgelesene Textversionen nachträglich dokumentiert wurden. Der Wandel der Buchkultur von Hand- zu Druckschriften wird schließlich in einem Wandel der Lesepraxis erkennbar. Wurden aufwändig produzierte Manuskripte meist noch in Gesellschaft vorgelesen, konnten massenhaft produzierte Druckerzeugnisse von vielen erworben und eigenständig gelesen werden.

Im zweiten Teil der morgendlichen Sektion, die von Rotraud Ries moderiert wurde, standen zwei verschiedenartige Bibliotheken im Mittelpunkt. Einen Einblick in „Das Ordnungssystem der christlich-hebraistischen Bibliothek Johann Albrecht Widmanstetters“ gab Maximilian de Molière (München). Anhand von Inventarlisten konnte er zeigen, wie eine Rekonstruktion des ursprünglichen Aufbaus der Bibliothek möglich ist. Das Ordnungssystem der Bibliothek ähnelt denen anderer christlicher Gelehrter in der Frühen Neuzeit, unterscheidet sich jedoch durch den bemerkenswerten Bestand an jüdischer, vor allem kabbalistischer Literatur.

Anschließend wurden die Vorteile Widmanstetters transportfähiger Bibliothek, die wahrscheinlich zu seinen Lebzeiten in Fässern und Truhen verstaut war, diskutiert. Zur Systematik wurde auf einen möglichen Einfluss Reuchlins auf Widmanstetter hingewiesen, der sicherlich bestand, in seinem Umfang jedoch nicht erforscht ist.

Nathanja Hüttenmeister (Essen) stellte in ihrem Beitrag „Aus dem Bücherschrank eines fränkischen Rabbiners um 1600“ eine Bücherliste vor, die den Bestand der Bibliothek des 1607 verstorbenen Rabbiners Schmuel aus Pappenheim abbildet. Sein Sohn sollte die Bücher erben, doch nach langwierigen Erbstreitigkeiten und persönlichen Krisen konvertierte dieser zum Christentum. Im Verlauf des Rechtsstreits wurde der Bestand der Bibliothek in lateinischer Schrift verzeichnet. Die einzelnen Titel der insgesamt 59 Werke sind schwer zu entziffern, womöglich weil der Schreiber sie nach ihrem Laut, ohne Kenntnis der hebräischen Sprache, aufzeichnete. Die Bücherliste erweckt den Eindruck, es handele sich um eine außergewöhnlich kostbare Bibliothek, was gemessen an den Verhältnissen in der kleinen Landgemeinde erstaunlich wäre. Mangels vergleichbarer Bibliotheken aus der Region und Zeit ist es jedoch schwierig zu bewerten, ob diese umfangreiche Literatursammlung einen Einzelfall darstellt.

Die Nachmittagssektion, moderiert von Lucia Raspe und Christoph Cluse, begann mit zwei Vorträgen, die den jüdischen Buchmarkt Prags behandelten. Mit dem Beitrag „Building a Bibliography – The Case of Prague Undated Hebrew and Yiddish Printings from the Sixteenth and Seventeenth Centuries“ gab Olga Sixtová (Prag) einen Einblick in ihre Arbeit an der umfassenden Bibliographie der jüdischen Buchproduktion in Prag von 1512 bis 1669. Einführend machte sie auf die Notwendigkeit des Projekts aufmerksam, das eine vollständige Bibliographie der jüdischen Buchdrucke aus Prag anstrebt. Bisher besteht die Datenbank aus 419 digital erfassten Drucken. Die Erkenntnisse, die in Analysen typographischer oder dekorativer Elemente gesammelt wurden, ermöglichen nun weitere Identifikationen und Datierungen Prager Drucke. Darüber hinaus können die Daten über den Status Prags als Druckereistandort aufklären. So zeigt sich beispielsweise, dass in Prag aufwändige Drucke, wie Bibelausgaben, nur sehr selten hergestellt wurden.

Marie Buňatová (Pardubice) stellte in ihrem Vortrag „Der Buch- und Papierhandel der Prager Juden in rudolfinischer Zeit – Möglichkeiten einer Nutzung von Quellen christlicher Provenienz zur Erforschung des (Prager) hebräischen Buchdrucks“ zunächst die Geschichte der traditionsreichen Papiermanufakturen Prags vor. Diese belieferten Druckereien vor Ort und in ganz Europa. Neben Papieranalysen erwiesen sich Zollregister als ergiebige Forschungsquellen. Eine erste Sichtung des Materials ergab, dass jiddische Bücher meist als Nebenlieferungen mit anderen Waren erfasst wurden. Die den Buchmarkt betreffende Daten aus den Handelszentren können verbunden werden und ein Netzwerk, das von Breslau über Krakau, Prag, Leipzig und Nürnberg bis in den Westen Europas reicht, sichtbar machen. Das Forschungsprojekt macht deutlich, wie unerlässlich eine interdisziplinäre Forschung auf dem Gebiet des jüdischen Buchhandels ist.

Elisabeth Singer-Brehm (Bamberg) und Falk Wiesemann (Düsseldorf) stellten in ihrem Beitrag „Frühe hebräische und jiddische Drucke in den Modern Genizot“ vor. Zu Beginn berichteten sie von der aufwändigen Erschließung der europäischen Genizot, die noch in den Anfängen steckt. Die bisherigen Ergebnisse zeigen jedoch bereits, dass die Genizah-Funde eine Fülle aufschlussreicher Informationen zum Buchmarkt bergen. Einzelne Textfunde können Druckereien zugeordnet werden und Aufschluss über die Bedeutung des Druckereistandortes im Netzwerk der jüdischen Buchproduktion geben. Die Funde zeigen außerdem, welche Buchbestände in den Gemeinden vorhanden waren, und sogar, wie intensiv oder über welchen Zeitraum diese genutzt wurden. In den Genizot wurden auch Werke gefunden, die der Forschung bisher unbekannt waren, als verschollen galten oder sich nur in anderen Auflagen nachweisen lassen.

In ihrem Beitrag „Günzburg auf Ladino? – Zu den Amsterdamer Minhagim-Ausgaben des 17. und 18. Jahrhunderts“ stellte Lucia Raspe (Frankfurt/Berlin) einen Ausschnitt ihrer Forschungen an Minhagim-Büchern vor. Sie berichtete von einem außergewöhnlichen Fall einer Fehlinterpretation, bei der ein sephardisches Gebetbuch fälschlicherweise als Übersetzung des Buchs Minhogim von Shimon Halewi Günzburg identifiziert worden war. Der sephardische Druck mit dem irreführenden Titel Sefer ha-Minhagim besteht größtenteils aus auf Hebräisch verfassten Segenssprüchen und ist mit den Amsterdamer Holzschnitten aus dem populären aschkenasischen Minhagim-Buch von Günzburg illustriert. Diese unkonventionelle Zusammenstellung zeigt, wie sich die jüdischen Zentren des Buchdrucks sogar zwischen aschkenasischem und sephardischem Kulturraum austauschten.

Im Anschluss wurde diskutiert, warum Minhagim-Bücher überhaupt so bildreich gestaltet wurden. Es scheint, als seien die illustrierten jiddischen Ausgaben ein Anzeichen für den Trend, Bücher nutzerfreundlicher auszustatten und ein größeres Publikum anzusprechen.

Die Vorträge der Sektion am Sonntag, die von Falk Wiesemann und Rotraud Ries moderiert wurde, gingen über die Epoche der Frühen Neuzeit hinaus und behandelten Themen des jüdischen Buchdrucks im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert. Uta Lohmann (Hamburg) referierte über „Die Orientalische Buchdruckerei – Äußere Aspekte einer Institution der Berliner Haskala“. Sie stellte die Akteure vor und beschrieb die Charakteristika der verlegten Bücher. Insbesondere ging sie auf die Finanzierung der Drucke ein. Wirtschaftlich hatte die Druckerei keinen Bestand, sodass die Werke der Maskilim erst von anderen Verlegern erfolgreich vermarktet werden konnten.

Die Gründe für den Misserfolg der Druckerei wurden nach dem Vortrag diskutiert. Es ist zu vermuten, dass die Persönlichkeiten der Haskala-Bewegung kaum Wert auf den wirtschaftlichen Erfolg legten, sondern ihre Werke unbedingt veröffentlicht sehen wollten.

Im letzten Beitrag „Personennetzwerke jüdischer Publizistik im Kontext des deutschen Emanzipationsdiskurses (ca. 1780–1871)“ verfolgte Michelle Stoffel (Trier) die Frage, warum kurze monographische Beiträge das geeignetere Medium waren, um die Argumente der Emanzipationsdebatte zum Ausdruck zu bringen. In einer Vorstudie für ihr daran anknüpfendes Dissertationsprojekt kam sie zu dem Ergebnis, dass sich die eigenständig erschienene Monographie, die bevorzugte Veröffentlichungsform der Akteure, als Quellengrundlage zur Erforschung des Emanzipationsdiskurses besonders gut eignet. Trotz geringerer Kosten der Publikation in einer Zeitschrift wurde die Monographie als Publikationsmedium präferiert, da sich in ihr die komplexen Inhalte des Diskurses besser darstellen ließen. Es zeigte sich auch hier, wie schon im Beitrag über die Orientalische Buchdruckerei, eine besondere Bereitschaft der Autoren, ihre Schriften auf eigenes finanzielles Risiko zu veröffentlichen.

Die Beiträge der Tagung konnten das jüdische Buch in der Frühen Neuzeit auf unterschiedliche Weise beleuchten und somit dem facettenreichen Thema gerecht werden. In der Schlussdiskussion wurde hervorgehoben, wie gut die Vorträge der Tagung thematisch ineinandergriffen. Es gelang, zeitlich, geographisch und methodisch unterschiedliche Bereiche der aktuellen Forschung abzudecken. Verschiedene Literaturgattungen und Nutzerkreise wurden angesprochen. Es zeigte sich, dass die präsentierten Projekte ein vielversprechendes Potential aufweisen und unerwartete Forschungsfelder eröffnen können. Die Tagung bot Raum für ergiebige Diskussionen und diente erfolgreich dem Austausch zwischen den unterschiedlichen Disziplinen.

Das Thema der Netzwerke stellte sich als der rote Faden der Tagung heraus. Die Vernetzung von Standorten der jüdischen Buchproduktion in Europa wird aktuell mit vielfältigen Methoden untersucht. Es verfestigte sich der Eindruck, dass einige wenige Zentren die Buchkultur besonders dominierten. Jedoch kam die Frage auf, ob diese Orte auch aus zeitgenössischer Perspektive als Zentren wahrgenommen wurden. Zudem spielen Personennetzwerke bei der Erforschung der Buchkultur eine wichtige Rolle.

Im nächsten Jahr feiert das Forum „Jüdische Geschichte und Kultur in der Frühen Neuzeit“ sein 20. Jubiläum. Die Arbeitstagung wird vom 8. bis 10. Februar 2019 in der Akademie in Hohenheim stattfinden und sich dem jüdischen Stadtleben in der Frühen Neuzeit widmen. Das Thema soll sich jedoch nicht ausschließlich auf das Leben in den großen städtischen Gemeinden wie Frankfurt oder Worms beziehen, sondern die Situation der Juden in der Zeit nach den großen Vertreibungen aus den Städten breiter aufgreifen. Da das Landjudentum in der Frühen Neuzeit häufig als dominierende Existenzform in den Vordergrund gestellt wird, soll die Tagung ein Forum bieten, um die städtische Lebensweise von Juden differenzierter zu diskutieren.

Das Vorbereitungsteam mit Rahel Blum, Ulrich Hausmann, Ursula Reuter und Wolfgang Treue bietet Gewähr dafür, dass auch der wissenschaftliche Nachwuchs die Gelegenheit bekommt, sich in die Tagung einzubringen.

Programm 19 2018

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